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Alles anders, vieles neu Die Pandemie hat den Alltag eines jeden verändert – Ärzte, Pfl eger und Klinikleiter bekommen das besonders zu spüren und erzählen am virtuellen Runden Tisch von ihren Erfahrungen

28.10.2020

Spätestens seit Ausbruch der Corona-Pandemie sind sich wohl alle sicher: Die Gesundheit der Menschen in der Region und darüber hinaus steht an erster Stelle. Ärzte und Pfleger gehen seit Anfang des Jahres regelmäßig an ihre Grenzen, verzichten auf wohlverdiente Urlaubstage, schieben eine Schicht nach der anderen. Für viele gelten Mitarbeiter in medizinischen Einrichtungen darum schon jetzt als Helden der Corona-Krise. Wie Mitarbeiter in Praxen und Kliniken diese besondere Zeit erleben und welche weiteren Themen die Branche beschäftigen, diskutieren Kölner und Leverkusener Ärzte sowie Klinikleiter bei einem virtuellen Runden Tisch von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Kölnischer Rundschau.

Verhaltensregeln schnell angenommen

Obwohl alle live zugeschalteten Gäste an diesem Abend in verschiedenen Fachrichtungen oder Bereichen arbeiten, sind sie sich bei ihrem ersten Corona-Fazit ziemlich einig: COVID-19 hat alles durcheinandergebracht. „Manche Patienten haben geplante Operationen verschoben, andere wollten sich nur ambulant behandeln lassen. Und manche Patienten wollten noch länger in unserer Klinik bleiben, weil sie Angst hatten sich draußen anzustecken“, erzählt Anne Bentfeld, Geschäftsführerin der Klinik Links vom Rhein. Probleme mit Maskenverweigerern habe es bei ihr in der Klinik nicht gegeben. „Sowohl unsere Patienten als auch Mitarbeiter haben die neuen Verhaltensregeln sehr schnell angenommen und umgesetzt“, sagt die Klinikchefin.


"Die Krise hat alle näher zusammengebracht"


Vermeidung einer Überlastung

Ähnliches berichtet Prof. Dr. Joachim Schmidt, ärztlicher Direktor und Chefarzt Endoprothetik in der Atos Orthoparc Klinik: „Mit kluger Planung und dem Einsatz unserer Mitarbeiter haben wir es geschafft, eine Überlastung unserer Klinik zu vermeiden.“ Schmidt und sein Team haben Operationen so gelegt und vereinbart, dass kein Patient auf die Intensivstation musste. Schwere Operationen wurden auf den Sommer verschoben. Schließlich hatte das Kölner Gesundheitsamt angeordnet, Intensivbetten für Corona-Erkrankte freizuhalten. Und das ist der Atos Orthoparc Klinik gelungen: „Wir haben als Klinikteam schon viele Probleme gelöst und Herausforderungen gemeistert. Da war uns klar: Wir schaffen auch das.“

Für jeden Notfall gewappnet
  

Bei dem Gespräch herrschte eine angenehme Atmosphäre Bild: Banneyer
Bei dem Gespräch herrschte eine angenehme Atmosphäre Bild: Banneyer

Ein besonderes Wir-Gefühl hat sich auch in Leverkusen eingestellt. Denn seit der ersten Corona-Welle sind alle Mitarbeiter im medizinischen Bereich gleichermaßen gefordert: „Ob Pflegekräfte, Assistenz- oder Fachkräfte – die Pandemie hat alle näher zusammengebracht“, erzählt Matthias Klimkait, Pflegedirektor des Klinikums Leverkusen. „Wir haben uns alle auf den Super-GAU vorbereitet.“ Denn der Blick ins Ausland zeigte: die Lage kann schnell eskalieren. Steigen die Infektionszahlen rasant an, könnten Intensivbetten oder Beatmungsgeräte in den Kliniken knapp werden. Das gilt es nach wie vor zu verhindern – auch in Leverkusen. Das Klinikum ist auf alles vorbereitet: „Wir haben ehemalige Intensivmitarbeiter zurückgeholt und alle Notfallpläne aktualisiert. Wir sind für alles gewappnet.“ Die Fachärzte mit eigener Praxis im Kölner Raum haben die erste Welle der Pandemie anders erlebt. Natürlich haben auch sie den Vorrat an Masken, Handschuhen und Desinfektionsmitteln aufgestockt und Eingangsbereiche umgestaltet. „Es hat uns sehr geholfen, dass wir seit jeher eine Terminpraxis haben“, sagt Dr. Irmgard Zierden, Ärztin für Frauenheilkunde und Naturheilverfahren. „Anfangs haben viele Frauen ihre Vorsorgeuntersuchung verschoben, es herrschte viel Ungewissheit unter den Patientinnen. Mittlerweile haben die meisten ihre Termine aber nachgeholt.“

Vorsorgeuntersuchungen nicht optional

Im Sehkraft Augenzentrum waren es nicht die Patienten, sondern Dr. Matthias Maus und sein Team, die einige Termine verschoben haben. „Wir haben Angehörigen der Risikogruppe angeboten, ausgemachte Termine zu verschieben.“ Dabei ist Maus sicher, dass seine Patienten einem sehr geringen Risiko in seiner Praxis ausgesetzt sind: „Zusätzlich zu allen Vorsichts- und Hygienemaßnahmen hat man als Augenarzt für kurze Zeit Patientenkontakt.“ Dass sich Patienten beim Augenarzt trotz Pandemie gut aufgehoben fühlen, zeigen auch Maus Erfahrungen der ersten Monate mit Corona. Die Kölner haben sich wohl so eingehend mit sich und ihrer Gesundheit auseinandergesetzt, dass sie Optimierungsbedarf festgestellt haben: „Seit März sind besonders viele Menschen zu uns gekommen, was sie für eine bessere Sehkraft tun können.“ Für dieses Verhalten gibt es Lob von allen Ärzten und Klinikleitern in der virtuellen Runde. Alle sind sich einig: Vorsorgeuntersuchungen sind nicht optional. Wer ein Check-up auslässt, läuft Gefahr eine Veränderung im Körper erst sehr spät zu bemerken.

Krebsbehandlung darf nicht ausgesetzt werden

Bei Dr. Gregor Spira kommt es nicht in Frage, eine Behandlung oder Untersuchung auszulassen. Denn er ist Facharzt für Strahlentherapie und Radioonkologie sowie Geschäftsführer des medizinischen Versorgungszentrums für Strahlentherapie in Köln. Viele Patienten, die zu Spira kommen, leiden an Krebs. In der Behandlung gilt jeder Tag. „Es wäre fatal, wenn ein Patient aus Sorge um Corona nicht zu uns in die Praxis kommen würde und so seine Gesundheit riskiert“, sagt der Facharzt. Erst gegen Sommer merkte auch Spira: Die Patienten in Behandlung kommen zwar weiterhin zu ihm, aber die Vorsorge lassen viele schleifen.  


"Aus Angst nicht zum Arzt zu gehen, kann schwere Folgen haben"


Medizinisches Personal hochsensibilisiert

In der virtuellen Runde wirft das Verhalten der Kölner Fragen und Unverständnis auf. „Viele Menschen denken, Praxen und Kliniken seien Orte mit hoher Virenlast“, sagt Chefarzt Schmidt. „Dabei gibt es aktuell kaum einen Ort, der sicherer vor Corona ist. Medizinisches Personal ist hochsensibilisiert, wir haben feste Abläufe eingeübt, setzen Vorsichtsmaßnahmen um und achten auf den nötigen Abstand zwischen Patienten.“ Kollegin Bentfeld aus der Klinik Links vom Rhein gibt ihm recht. „Wir müssen leider vorerst lernen, mit dem Virus zu leben. Aber ein positiver Nebeneffekt ist zumindest, dass die Menschen bewusster miteinander umgehen und auf ihre Gesundheit achten.“

Aufschub von Operation kann Folgen haben

Schmidt und Bentfeld ermutigen die Kölner darum, bei Beschwerden – wenn möglich – einen Arzt aufzusuchen. „Leidet ein Mensch zum Beispiel unter Knieschmerzen, scheut aber aufgrund des Virus den Arztbesuch, kann das schwere Folgen haben“, sagt Schmidt. In den ersten Monaten verzichtet der Betroffene vielleicht auf die Tennisstunden. In einem Jahr könnte die nicht auskurierte Verletzung aber bereits irreparable Schäden am Gelenk angerichtet haben. Diese Probleme kennt auch Bentfeld: „Viele argumentieren, man könne elektive, also planbare, Eingriffe einfach aufschieben.“ So einfach ist die Rechnung aber nicht. Während bei manchen der Zeitpunkt tatsächlich in Grenzen frei wählbar ist, kann das Aufschieben in anderen Fällen Folgen haben: „Zögern Eltern etwa einen empfohlenen Paukenröhrchen-Einsatz bei Kindern zu lange hinaus, kann darunter auch die Sprachentwicklung leiden.“


"Einsatz der Mitarbeiter mit Bonus belohnt"


Neue Ansätze ausprobiert

Patienten der Gynäkologin Zierden waren ebenfalls zögerlich: „Besonders in der Frauenheilkunde ist das bedauerlich. Normalerweise erkennen wir durch regelmäßige Abstriche und Ultraschall sehr früh Veränderungen im Körper“, sagt die Ärztin. „Wenn die Patientinnen aber aus Furcht vor der Pandemie nicht mehr in unsere Praxis kommen, fehlt uns diese Früherkennung.“ Es gab aber auch Frauen, die sich im Zuge von Corona umso mehr mit ihrer Gesundheit beschäftigt und neue Ansätze ausprobiert haben. Nach Ansicht von Zierden ist das der richtige Ansatz. „Nicht jede Beschwerde lässt sich mithilfe der Schulmedizin lösen. Das sehen wir besonders oft beim prämenstruellen Syndrom, das viele Frauen jeden Monat plagt.“ Klagen Patientinnen über Schmerzen oder andere Symptome schlägt Zierden darum gerne Naturheilverfahren vor und stößt damit seit Beginn der Pandemie häufiger auf offene Ohren.

Strahlentherapie hat Vorteile

Auch andere Behandlungsmethoden wie die Strahlentherapie beweisen in der aktuellen Pandemie ihre Vorzüge: „Gerade bei Prostatakrebs, der häufi gsten Krebserkrankung bei Männern, ist die Strahlentherapie mindestens gleichwertig zur OP, in vielen Fällen aber besser“, sagt Spira. Denn die Strahlentherapie hat deutlich weniger Nebenwirkungen und ermöglicht so eine höhere Lebensqualität während der Behandlung, fasst Spira zusammen. Zusätzlich ist das Risiko einer Impotenz und Inkontinenz, wie sie nach einer OP oft auftreten, sehr viel geringer. Ein weiterer Nebeneffekt: Wer sich operieren lässt, fällt lange Zeit auf der Arbeit aus und muss einige Tage im Krankenhaus verbringen – keine angenehme Aussicht, schon gar nicht in Corona-Zeiten. „Wer hingegen eine Strahlentherapie wählt, kann sein Leben weitestgehend ungehindert fortführen – solange er regelmäßig zur Behandlung kommt.“ In manchen Fällen sind die Fragen an die Ärzte aber auch ganz praktischer Natur: „Viele Patienten kamen zu uns ins Augenzentrum, weil sie ihre Brille loswerden wollen“, sagt Augenarzt Maus. Denn auch, wenn die Sehhilfe viele Kölner bisher nicht gestört hat, klagen viele über Probleme in Kombination mit ihren Masken. Immer wieder beschlägt die Brille und Kontaktlinsen trocknen durch den Luftstrom beim Ausatmen schnell aus. Davon sind viele genervt. „Deswegen wollen gerade jetzt besonders viele Kölner ihre Augen lasern lassen“, sagt Maus.

Masken-Tipp für Brillenträger

Für alle Kölner, die ihre Augen nicht lasern lassen wollen, aber trotzdem Probleme mit der Maske haben, gibt der Augenarzt noch einen Tipp: „Drahtbügel gut an der Nase andrücken, damit nur wenig Luft nach oben entweicht.“ Und wenn auch das nicht hilft, hat Maus noch einen Profi-Tipp: „Damit die Okulare des OP-Mikroskops nicht beschlagen, klebt sich der Operateur ein Pfl aster über Maske und Nasenrücken. Der Trick hilft auch bei der Brille.“

Mimik geht verloren

Die Maske bereitet aber auch ganz praktische Probleme im Ärztealltag, stellte Strahlentherapie-Experte Spira fest: „Ich muss mit meinen Patienten ernste Themen und schwierige Behandlungen besprechen. Da spielen nicht nur meine Worte und die des Patienten eine Rolle, sondern besonders die Mimik.“ Aber genau die leidet unter der Maskenpflicht. Ärzte können Empathie nur noch mit Worten und über ihre Augen ausdrücken, der Rest des Gesichts ist durch die Maske verdeckt. Zusätzlich können Ärzte und Pfleger nicht aus dem Gesicht des Patienten lesen, müssen sich einzig auf die Aussagen und Augen verlassen.

Konferenzen per Videochat

Die Corona-Krise hat Kliniken und Praxen auch vor technische Herausforderungen gestellt. Während viele Kölner von zu Hause aus arbeiten konnten, bleibt medizinischem Personal oft keine Wahl. Nur wenige Aufgaben können im Homeoffice bearbeitet werden. In Leverkusen hat die Klinik aber einen guten Weg gefunden. „Wir machen mittlerweile fast alle Konferenzen per Videochat. Das geht oft schneller und so können sich auch Kollegen im Homeoffice zuschalten“, sagt der Leverkusener Pflegedirektor Klimkait. Er und sein Team versuchen zusätzlich mit flexiblen Dienstplänen und Weiterbildungsmöglichkeiten zu überzeugen. Denn die Corona-Krise hat erneut aufgezeigt, wie groß der Fachkräftemangel in der Pflegebranche ist.

Ein gutes Gefühl vermitteln

Und der lässt sich leider auch nicht mit gut gemeinten Aktionen zu Beginn der Pandemie wie dem abendlichen Klatschen am Fenster, um Pflegekräften zu danken, verringern. „Das ist zwar nett gemeint, davon bleibt dem Pflegepersonal aber nichts“, stellt Klimkait klar. In der Klinik Links vom Rhein gab es darum einen Bonus für die Mehrarbeit und den Einsatz aller Mitarbeiter. Die virtuelle Runde von „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Kölnischer Rundschau zeigt: Ärzte und Pfleger nehmen die Krise aus einer anderen Perspektive als der Durchschnittskölner wahr. Während Patienten in Praxen eine erhöhte Ansteckungsgefahr vermuten, bemühen sich die Ärzte darum, ihren Patienten ein gutes Gefühl in den Räumlichkeiten zu vermitteln und zu zeigen: Auch wenn das Lächeln hinter der Maske versteckt bleibt, freuen sich Ärzte und Pfleger, wenn die Bürger aus Köln und dem Umland ihre Vorsorge nicht schleifen lassen und ihre Gesundheit ernst nehmen. Jennifer Garic