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Die Bestellungen werden entweder per Telefon oder online aufgegeben Bild: Seventyfour/stock.adobe.com

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„Derzeit entsteht eine brenzlige Situation in vielen Branchen“ Als Geschäftsführer des Handelsverbandes NRW Aachen-Düren-Köln schildert Jörg Hamel die aktuelle Situation und die Chancen von Click & Collect

4.02.2021

Sie haben durch Ihr Amt sicher das Ohr am Puls Ihrer Mitglieder. Wie skizzieren Sie die Situation für den Einzelhandel? 

Jörg Hamel: Nach dem ersten Lockdown haben die Händler im Sommer versucht, ein wenig Umsatz aufzuholen. In dieser Zeit wurde natürlich auch wieder neue Ware geordert, um entsprechend für das Weihnachtsgeschäft gerüstet zu sein. Doch schon mit der Ankündigung des „Lockdown light“ für die Gastronomie sind die Umsätze im Einzelhandel massiv eingebrochen. Das zeigt, dass die Gastronomie ebenfalls ein wichtiger Faktor ist, die Menschen in die Städte zu locken. Denn viele möchten nicht nur einkaufen gehen, sondern auch mal einen Kaffee trinken oder eine Kleinigkeit essen. Ursprünglich hatten wir mit dem VRS eine Aktion geplant, um an allen Adventssonntagen eine kostenlose Nutzung des ÖPNV anzubieten und so das Weihnachtsgeschäft anzukurbeln. Schließlich hat uns die Pandemie aber wieder überrollt. Aktuell ist die Situation so, dass zum Beispiel in der Modebranche die neuen Kollektionen anstehen. Die Lieferanten haben ihre Ware produzieren lassen und möchten sie jetzt liefern. Da aber die Kleidung der vorherigen Saison oft noch nicht verkauft wurde, ist das Kapital für die Neuware nicht vorhanden. Damit ist es unternehmerisch eigentlich nicht zu verantworten, die neuen Kollektionen anzunehmen. So entsteht derzeit in dieser und vielen anderen Branchen eine brenzlige Situation.

Kybun & Joya

Zu welchen Maßnahmen raten Sie den betroffenen Unternehmern?

Hamel: Besonders wichtig ist es, mit den Kunden in Kontakt zu bleiben. Dafür sollte man auch die sozialen Netzwerke nutzen, um zu zeigen, dass man noch da ist. Im ersten Lockdown wussten viele Unternehmer zunächst nicht, was sie tun sollten. Oft haben sie ihren Laden abgeschlossen und sind nach Hause gegangen. Für uns als Verband war es in dieser zweiten Lockdown-Phase ein Erfolg, dass wir Click & Collect politisch ermöglichen konnten. Denn die Landesregierung war zunächst nicht angetan davon, weil sie Ansammlungen und neue Infektionsherde befürchtete. Doch die Menschen sind ja durchaus diszipliniert auf der Straße unterwegs. Daher empfehlen wir den Händlern, Click & Collect als einen neuen Vertriebsweg aufzubauen, sich dafür digital aufzustellen und sich gemeinsam mit den Mitarbeitern zu schulen.

Globus SB-Warenhaus

Mancher Unternehmer hat sich vielleicht noch nicht mit der digitalen Welt auseinandergesetzt. Wo finden diese dafür Unterstützung?

Hamel: Wir haben im November 2019 das Projekt „Digitalcoach“ – finanziert vom Wirtschaftsministerium NRW – an den Start gebracht. Seither berät pro Regierungsbezirk ein Digitalcoach interessierte Unternehmen auf ihrem Weg der Digitalisierung. Ob Warenwirtschafts- oder Kassensysteme, der neue Onlineauftritt oder der Einstieg in Social-Media-Kanäle wie Instagram, Facebook und Co.: Die Beratung erfolgt in vielen Bereichen, ist völlig kostenfrei und unabhängig davon, ob jemand in unserem Verband Mitglied ist oder nicht. Darüber hinaus haben die Digitalcoaches auch kostenfreie einstündige Schulungen zu allen möglichen Themen entwickelt, die online abrufbar sind. So kann man sich nahezu täglich weiterbilden.


"Die Händler stellen sich aktuell digital neu auf"


Sind Click und Call & Collect in Ihren Augen eine Chance, nun die nötigen Umsätze zu generieren?

Hamel: Nein, ich sehe Click & Collect als Strategie an, zumindest ein wenig Umsatz zu generieren. Bei manchem ist es gerade so viel, um die eine oder andere Rechnung zu bezahlen oder vielleicht die Pacht hereinzubekommen, wenn der Vermieter nicht mit sich handeln lässt. Ein Händler hat mir gesagt, dass er ungefähr zehn Prozent seines normalen Umsatzes über Click & Collect macht. Es wird sicher einige geben, bei denen mehr Geld darüber eingenommen wird, aber ich glaube nicht, dass es für das Gros der Unternehmer eine Alternative zum normalen Präsenzgeschäft ist.

Welchen Stellenwert hat dann dieses Angebot?

Hamel: Früher hat dieses Thema fast keine Rolle gespielt, und nun nutzen fast alle unsere Mitglieder Click & Collect und zeigen sich auf ihren Social-Media-Kanälen. Mancher entwickelt da ein unglaublich kreatives Feuerwerk. Denn es ist ja derzeit die beste, wenn nicht sogar einzige Chance für sie, weil man nicht weiß, wann und in welcher Form die Überbrückungshilfen kommen. So gibt es kaum ein Schaufenster, in dem nicht signalisiert wird: „Wir sind da – bestellt bei uns!“

Wie sehen denn die Vorteile bei solch einem System aus?

Hamel: Neben dem – wenn auch meist geringen – Umsatz, sehe ich den Vorteil vor allem darin, den persönlichen Kontakt zu den Stammkunden zu halten. Denn der motivierende Zuspruch existiert schon seit Beginn der Pandemie bei den meisten Geschäften. Oft kennt das fachlich versierte Team die Wünsche seiner Kunden genau, berät nun vielleicht auch telefonisch und ist einfach da. Denn für viele Kunden ist der persönliche Austausch in diesen Zeiten wichtiger als je zuvor und den kann ein reiner Onlinehandel nur schwer geben.


"Besonders wichtig ist es, mit den Kunden in Kontakt zu bleiben"


Hilft diese Idee den Läden dauerhaft?

Hamel: Click & Collect ist ein wichtiges Element, aber nicht die Rettung des stationären Einzelhandels, wenn es keine anderen Hilfen zusätzlich gäbe. Jedoch ist das Verfahren sicher wichtig für eine psychologische Bindung der Kunden. Denn es besteht die Gefahr, dass vor allem auch die Älteren positive Erfahrungen mit dem Onlinehandel machen und somit ihre Einkaufsgewohnheiten dauerhaft verändern. Allein deshalb ist die Erlaubnis für Click & Collect so wichtig. So gehen die Kunden weiterhin den gewohnten Weg zu ihrem Geschäft und der Umsatz bleibt auch in Zukunft im stationären Handel. Daher ist Click & Collect sehr wichtig im Hinblick auf die Wiederöffnung nach dem Lockdown.
  

Person und Verband

Jörg Hamel, Geschäftsführer des Handelsverbandes NRW Bild: zVg
Jörg Hamel, Geschäftsführer des Handelsverbandes NRW Bild: zVg

Jörg Hamel ist Geschäftsführer des Handelsverbands NRW Aachen-Düren-Köln e. V. Dort werden Interessen von über 100.000 Einzelhandelsbetrieben wahrgenommen, die im Jahr rund 100 Milliarden Euro Umsatz machen. Mit mehr als 750.000 Beschäftigten und Auszubildenden ist der Einzelhandel in NRW einer der wichtigsten Arbeitgeber und Nachwuchsförderer.