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Thorsten Zimmermann leitet die IHK-Geschäftsstelle Rhein-Erft Bild: Kaifer

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Zentrales Element lebendiger Städte Interview mit Thorsten Zimmermann, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Rhein-Erft in Bergheim

27.09.2021

Covid-19 und die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben den stationären Handel vor Herausforderungen gestellt. 

Thorsten Zimmermann: Der Handel im Rhein-Erft-Kreis wurde massiv getroffen. Über Wochen war der Großteil der Geschäfte komplett geschlossen. Die Pandemie und die wechselnden Auflagen schreckten die Verbraucherinnen und Verbraucher ab. Die Konsumlaune sank. Nicht zu vergessen ist, dass gerade der innerstädtische Einzelhandel bereits vor Corona unter großem Druck stand. Viele Händlerinnen und Händler sind diesen Herausforderungen mit Herzblut sowie Kreativität entgegengetreten und konnten von ihrer starken Kundenbindung zehren. Zudem waren die staatlichen Hilfen wichtig.

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Ist Corona zu einem „Beschleuniger“ für digitale Umsetzungsmaßnahmen geworden?

Zimmermann: Die Coronapandemie hatte sehr starke Auswirkungen auf das Verbraucherverhalten: Click & Collect sowie Online-Handel legten deutlich zu. Hier mitzuhalten fiel natürlich Unternehmen in Segmenten leichter, die bereits in digitalen Formaten geübt waren. Es gab zudem große Zuwächse bei Produkten, die bislang zwar schon online erhältlich waren, bei denen der Online-Handel vor Corona aber einen eher kleinen Anteil am Umsatz ausmachte. Dazu zählen zum Beispiel Konsumgüter des alltäglichen Bedarfs sowie Heimwerken und Garten. Die betroffenen Unternehmen haben in sehr kurzer Zeit reagiert.

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Liegt die Zukunft in der Kombination aus dem Geschäft vor Ort und Online-Angeboten?

Zimmermann: Die Verbraucherinnen und Verbraucher, die funktionierende digitale Formate genutzt und schätzen gelernt haben, werden sie weiter nutzen. Fast jeder weiß inzwischen, was Click & Collect bedeutet. Aber online ist nicht gleich online. Zum Beispiel sinkt die Zahl der Händler mit eigenem Onlineshop. Die Bedeutung von Online-Marktplätzen nimmt weiter zu. Viele stationäre Händlerinnen und Händler nutzen die Chance, online Waren zu verkaufen, ohne einen eigenen Webshop aufbauen zu müssen. Jedes Geschäft muss den für sich optimalen und lohnenswerten Mix finden.

Was sind die wichtigsten Lehren aus der Krise für den lokalen Handel?

Zimmermann: Die Corona-Krise kam unerwartet und hart. Darauf konnte sich niemand vorbereiten. Corona hat beim Thema Digitalisierung wie ein Beschleuniger gewirkt. Unternehmen, die einen großen Anteil an Stammkunden haben, ein Einkaufserlebnis und Beratung bieten und in ihrem Sortiment nicht austauschbar sind, haben auch in Zukunft ihren Platz. Dies gibt es übrigens auch kombiniert mit ansprechenden und unkomplizierten digitalen Angeboten.

Was können Politik und kommunales Marketing tun, um den stationären Handel zu stärken?

Zimmermann: Der Einzelhandel ist ein zentrales Element lebendiger Städte. Deshalb unterstützen wir ihn aus Überzeugung, zum Beispiel mit der Aktion „Heimat shoppen“ und dem Dialog mit den Interessen- und Werbegemeinschaften. Was wir aber in allen Städten brauchen, ist eine Diskussion über die Bedeutung unserer Zentren in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Es bringt nichts, den heutigen Stand krampfhaft zu zementieren oder vermeintlich besseren Zeiten nachzutrauern. Es müssen konkrete Schritte unternommen werden, um die Aufenthaltsqualität zu steigern, das Zusammenspiel von Handel, Gastronomie und Events zu stärken und Leben in die Zentren zu holen. Wo und wie wird Handel in Zukunft stattfinden? Wie bekommen wir heute und in Zukunft Menschen in die Städte? Wie stellen wir die Erreichbarkeit sicher? Müssen Fußgängerzonen gegebenenfalls angepasst werden? Hier sind aus meiner Sicht Mut und Gestaltungswille der Verantwortlichen gefragt. Ich könnte mir zum Beispiel sehr gut Kinderspielplätze, Tischtennisplatten und Boule-Bahnen in den Innenstädten vorstellen statt planerischer Konzepte, die in trostlosen leeren Plätzen enden. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wo Leben stattfindet und das Umfeld einladend ist, gehen wir auch in Zukunft gerne hin und kaufen dort ein.