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Ein Zeitzeugnis - Kölscher geht‘s nicht Zugleiter Holger Kirsch über den Karneval während der Pandemie und warum der Hänneschen-Zoch den Kölnern ans Herz gehen wird

9.02.2021

Der Termin des regulären Rosenmontagszugs 2021 steht kurz bevor, wie ist da die Gefühlslage? 

Holger Kirsch: Natürlich sind wir alle ein Stück weit traurig, dass der reguläre Rosenmontagszug, so wie wir ihn kennen und lieben nicht stattfinden wird. Aber es ist richtig so! Unter den aktuellen Bedingungen kann man das nicht verantworten. Eigentlich war uns allen das schon sehr früh im vergangenen Jahr klar. Also mussten wir Karnevalisten kreativ werden. In Anbetracht dessen, dass wir so etwas Besonderes als Alternativlösung entwickelt haben, blicke ich nun dennoch voller Optimismus und Vorfreude auf Rosenmontag.

Gehen wir mal von einer normalen Session unter normalen Bedingungen aus. Wie sieht dann der ungefähre Ablauf zur Planung des Rosenmontagszuges aus?

Kirsch: In der Regel trifft sich der Vorstand schon sechs Wochen nach Aschermittwoch wieder, um das Motto für sich zu interpretieren. Anfang Juni findet das erste Treffen in meinem Team der Kritzelköpp statt. Die Kritzelköpp sind das Kreativteam hinter dem Zoch. Als Zugleiter übernehme ich in dieser Runde die Funktion des „Artdirectors“. Ich stelle dem Team meine Idee für den roten Faden vor, und gemeinsam entwickeln wir dann Ideen für die Umsetzung. Getroffen wird sich mindestens in 14-tägigem Rhythmus. In dieser Zeit werden die Themen gesammelt, die wir persiflieren wollen. Themen aus Politik, Sport oder Kultur. Kölsches, Deutsches oder Globales. Ab November geht in der Wagenhalle das Licht an, dann wird gebaut. Zeitgleich läuft für die Gesellschaften das Anmeldeverfahren, und wir bemühen uns um die finale Durchführungsgenehmigung. Darüber hinaus kümmern wir uns um Sicherheit, Logistik, Kamelle, Tribünen und alles, was sonst noch dazugehört, um den höchsten Feiertag in unserer Stadt so besonders zu machen.

Bietmann Rechtsanwälte

Wann haben Sie in der Zugleitung realisiert: Wir müssen jetzt alternative Konzepte für einen Rosenmontagszug entwickeln?

Kirsch: Schon im Frühjahr haben wir nach Alternativen gesucht und alle paar Wochen neu geplant. Die erste Idee, die wir verfolgt haben, war eine verkürzte Zugwegstrecke. Ausschließlich von Tribünenbauten gesäumt. Denn zum damaligen Zeitpunkt hieß es ja nur: Man muss lediglich eine garantierte Rückverfolgung der Zuschauer sicherstellen. Dann hatten wir die Idee von einem stehenden Zug. An einem Stück oder alternativ im ganzen Stadtgebiet verteilt. Die Jecken hätten sich die Persiflagen auf Abstand erwandert. Diese Idee traf auf wenig Gegenliebe beim Gesundheitsamt. Zu viele Menschenbewegungen. Ich habe über einen Zug auf der Weidenpescher Rennbahn nachgedacht, sogar über schwimmende Persiflagen auf dem Rhein. Das letzte Konzept für eine Veranstaltung unter freiem Himmel war ein Rosenmontagsfest im Rhein-Energie-Stadion. Dort hätten wir auf bestehende Hygienekonzepte zurückgreifen können, und die Kölner Sportstätten haben uns mit offenen Armen empfangen. Diese Idee war schon sehr ausgereift und galt lange als unsere letzte Alternative. Letztlich machten uns auch hier die steigenden Inzidenzzahlen einen Strich durch die Rechnung. Irgendwann wurde ich mit dem Plan für einen digitalen Zug konfrontiert. Das kam für mich aber nicht in Frage. Ich bin Architekt, ich will Dinge bauen und anfassen können. Also schlug ich in unserer Kritzelköpprunde vor, die Wagen als kleine Modelle zu bauen, und plötzlich ging alles ganz schnell: kleine Wagen! Großartig! Dann brauchen wir nur noch kleine Menschen! Wo kriegen wir kleine Menschen her? Aus dem Hänneschen-Theater! Wir waren Feuer und Flamme: Das wird den Kölnern ans Herz gehen, Kölscher geht’s nicht.

Sie sind ein kreativer Kopf, das haben Sie in Ihrem ersten Rosenmontagszug bewiesen, Sie waren Prinz Karneval, sind jeck durch und durch, und Architekt. Wie ist das für Sie, in Ihrer Arbeit so ausgebremst zu werden?

Kirsch: Es klingt verrückt. Aber ausgebremst haben wir uns zu keinem Zeitpunkt gefühlt. Vielmehr hat uns die Situation motiviert. Wir haben Alternativkonzepte entwickelt, Persiflagen gestaltet und am Ende auch noch ein Puppenspiel geschrieben.

Christoph Kuckelkorn sagt es ja auch immer wieder: Karneval ist ein an den christlichen Kalender gebundenes Fest, das sich nicht einfach absagen lässt. Wir sagen ja auch nicht Weihnachten ab – allenfalls den Weihnachtsmarkt. Der Kölner wird Karneval feiern, notfalls auch heimlich, still und leise in seinem Wohnzimmer. Das war mein Antrieb – und der meines gesamten Teams. Mit der jetzigen Lösung bin ich sehr glücklich! Ein Zeitzeugnis! Der Hänneschen-Zoch, das ist so etwas Kleines, ganz Feines. Ein Rosenmontagszug mit Schleifchen drum, um den Kölnern in dieser traurigen und tristen Zeit ein bisschen Freude zu schenken. Ich glaube, außer der Gesundheit der Menschen ist nichts in der aktuellen Situation wichtiger.

Worauf können sich die Jecken denn jetzt genau bei diesem ganz besonderen Zug in diesem Jahr freuen?

Kirsch: Wir werden die uns vertrauten Elemente des Kölner Rosenmontagszugs alle wieder erleben. Die Severinstorburg, Festwagen, Fuß- und Tanzgruppen und natürlich Pferde. Vor allem aber natürlich Persiflagewagen – das war mir ganz wichtig. Die Persiflage ist das Instrument des Karnevalisten, der Obrigkeit zu zeigen, wo es langgeht. Dieses Instrument wollten wir uns auf keinen Fall nehmen lassen. Abseits des Zugweges wird es kleine Sidestorys mit den uns bekannten Figuren aus Knollendorf geben. Die werden für richtige Lacher sorgen – ganz sicher.

Was können Sie den Jecken, die vielleicht ein bisschen wehmütig sind, noch mit auf den Weg geben?

Kirsch: Ich habe schon vor ein paar Wochen in einem Interview gesagt, dass es uns Jecken hoffentlich gelingen wird, andere Wege zu finden, um unser Fest zu feiern. Das Maß an Kreativität war beeindruckend. Manches davon wird bleiben. Darauf können wir alle stolz sein. Natürlich kann das alles nicht das persönliche Miteinander im Karneval ersetzen. Karneval lebt von Schunkeln, Umarmen, Feiern, Bützen – von der Gemeinsamkeit und dem Zusammensein. Nächstes Jahr stehen wir wieder alle auf der Straße und jubeln an Rosenmontag unserem Dreigestirn zu. Wir werden gemeinsam singen, feiern – und natürlich Kamelle sammeln. Ganz sicher!
  

Steckbrief

Name: Holger Kirsch
Alter: 46 Jahre
Funktion: Zugleiter Rosenmontagszug
Seit wann: Session 2020
Gesellschaft: Flittarder KG von 1934 e. V., Prinzen-Garde Köln 1906 e.V.
Dreigestirn: Prinz 2015