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Die Vertreter der Veranstaltungsbranche beim „Runden Tisch“ in der Lanxess-Arena Bild: Thomas Banneyer

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Es muss in Köln weitergehen Beim „Runden Tisch“ diskutierten Vertreter der Veranstaltungsbranche über die Einschränkungen während der Coronapandemie und ihre Hoffnungen und Wünsche für die nahe Zukunft

15.07.2021

Es sind fast zwei verlorene Jahre. Wegen leerer Zuschauerreihen, leerer Bühnen – einer Zeit ohne Veranstaltungen. Die Coronapandemie hat die Branche hart getroffen. Auf entwickelte Öffnungs- und Hygienekonzepte folgte immer wieder ein Lockdown. Veranstaltungen mussten verschoben, oft auch ganz abgesagt werden. „Wir kommen alle nicht unverletzt aus der Krise“, sagt Ralf Kokemüller, CEO der Mehr-BB Entertainment GmbH. Weiterhin seien viele auf Unterstützung angewiesen, auch wenn die Situation heute deutlich besser zu sein scheint als noch vor wenigen Monaten. Die Landesinzidenz, die die Neuinfektionen mit dem Virus pro 100.000 Einwohner in einem Sieben-Tage-Zeitraum misst, liegt in Nordrhein-Westfalen im Bereich des zehner Wertes. Ebenso in Köln. Dadurch gelten momentan die von der Coronaschutzverordnung des Landes vorgegebenen Regelungen der ersten Stufe, wodurch etwa Veranstaltungen, Theater und Oper wieder mit bis zu 1.000 Personen ohne Mindestabstand erlaubt sind, wenn alle Besucher ein negatives Testergebnis nachweisen können, genesen oder geimpft sind. Mit Einhaltung des Mindestabstands oder einer speziellen Sitzordnung sind sogar mehr als 1.000 Personen erlaubt.

Verschiedene Herangehensweisen

Aber reichen diese Lockerungen aus, um der Veranstaltungsbranche einen Schub in Richtung Normalität zu geben? Was muss künftig passieren, um den Schaden, den die Pandemie angerichtet hat, zu beheben? Und wie geht das Publikum mit dieser Situation um? Über diese Fragen wurde beim „Runden Tisch“ der Veranstaltungsbranche, der in diesem Jahr erneut in der Lanxess-Arena stattgefunden hat, diskutiert. Und gleich zu Beginn wird klar: Jeden einzelnen hat die Pandemie hart getroffen, wenn auch die Umgangsweise mit den Veranstaltungsverboten unterschiedlich war. Im Musical Dome mussten alle Shows abgesagt werden, ein Ersatzformat gab es nicht. „Virtuelle Angebote ohne Publikum oder Veranstaltungen mit stark reduzierter Kapazität machen für nichtsubventionierte Veranstalter wie uns wirtschaftlich einfach keinen Sinn und hätten die Verluste nur noch vergrößert“, so Ralf Kokemüller. Anders sieht es in der Kölner Oper aus. „Wir haben angefangen, all unsere großen Events zu streamen. Das war eine logistische Herausforderung, Wir waren nicht sicher, ob es uns in der Kürze der Zeit gelingen würde“, sagt Opernintendantin Birgit Meyer. Aber das ist es. Insgesamt konnte die Oper durch die Streams rund 13.000 Tickets verkaufen. „Mit dem ‚Pay as you wish‘-Prinzip konnten die Leute selber entscheiden, ob und wenn ja, wie viel sie bereit sind zu zahlen. Damit sind wir im Schnitt auf zehn Euro pro Karte gekommen“, so Meyer weiter. Ein solches Format einfach zu testen, sei beim Circus Roncalli hingegen schwer. „Wir haben nicht unbegrenzt Ressourcen, um Dinge auszuprobieren. Jeder Fehlversuch kostet eine Menge Geld“, sagt Geschäftsführer Dirk Renner. Zumal es beim Zirkus auf den Erlebnisfaktor ankomme. „Die Show beginnt nicht erst in der Manege, sondern schon am Eingang, wenn unsere Artisten direkten Kontakt mit den Besucherinnen und Besuchern aufnehmen“, so Renner. Ähnliches gelte für ein Konzert. Auch dort komme es auf das Gesamterlebnis an, meint Louwrens Langevoort, Intendant der Kölner Philharmonie. „Die Menschen erleben nicht nur das Konzert. Sie treffen Freunde und Bekannte, verbringen mit ihnen die Pause und stehen gemeinsam an der Bar. Das gehört alles zum Erlebnis dazu“, so Langevoort.

Unsicherheit spürbar

Doch wie steht es aktuell um das Publikum? Schließlich haben die Menschen in den vergangenen Monaten ihre Zeit viel zu Hause verbracht. Sind sie also nun bereit wieder größere Veranstaltungen zu besuchen? Nicht immer, sagt Stefan Englert, Geschäftsführender Direktor des Gürzenich-Orchesters. „Wir spüren schon eine große Solidarität vonseiten des Publikums. Aber auch, wenn wir jetzt wieder mehr Besucher zulassen können, fehlt teilweise die Bereitschaft, zu Veranstaltungen zu kommen“, sagt Englert. Dadurch, dass die Menschen zuletzt in einem anderen Modus gewesen seien, müssten sie sich nur erst einmal wieder an die neue Situation und die Möglichkeit zur Rückkehr in Konzerte gewöhnen. Wobei laut Ralf Becker, Geschäftsführer der DuMont Livekon GmbH, auch eine gewisse Unsicherheit eine Rolle spiele. „Man hat schnell ein schlechtes Gefühl, wenn man nicht weiß, wer um einen herum ist und ob derjenige auch wirklich geimpft, genesen oder getestet ist“, so Becker. Daher sei es nun wichtig, für die Zukunft Konzepte zu entwickeln, um dem Publikum ein Gefühl von Sicherheit zu geben – und das Risiko einer Ansteckung durch einen Superspreader zu minimieren. Doch all das sei gar nicht so einfach, da sind sich die Teilnehmenden des Runden Tisches einig. Denn was fehle, sei ein Fahrplan vonseiten der Politik. Vor allem Planbarkeit und Zuverlässigkeit seien in der aktuellen Situation enorm wichtig.


"Jeden hat die Pandemie hart getroffen, wenn auch der Umgang unterschiedlich war"


Klarheit fehlte

Doch das sei in der Vergangenheit schwierig gewesen. Auf Öffnungsstrategien und Hoffnung folgte immer wieder die Schließung wegen zu hoher Infektionszahlen. „Die immer wieder neuen Verordnungen haben uns immer wieder neue Rätsel aufgegeben. Was ist nun wie erlaubt? Wie genau können wir eine Veranstaltung umsetzen? Da hatten dann 50 Veranstalter 50 verschiedene Interpretationen“, sagt Christoph Schlechtriem, Teil der Geschäftsleitung Marketing & Vertrieb bei Der Ticketservice. Es habe immer wieder gedauert bis Klarheit herrschte und „das hat uns das Leben schon sehr schwer gemacht“, so Schlechtriem. Auch Ralf Kokemüller fordert: „Wir brauchen von der Politik möglichst schnell und möglichst bundesweit einheitliche und klare Rahmenbedingungen für die Zukunft, auf die wir uns verlassen können.“ Die Vorbereitungen für die Winter-Tourneen, die ab Ende Oktober auch im Musical Dome spielen werden, würden bereits auf Hochtouren laufen. „Wir beginnen so etwa in Kürze mit den Auditions für die »Rocky Horror Show« und »Berlin Berlin«. Von heute auf morgen können solch große Produktionen nicht auf die Beine gestellt werden“, so Kokemüller weiter. Auch Ralf Becker betont, dass Kurzfristigkeit nicht tragbar sei – höchstens in kleinem Rahmen. „Wir haben beispielsweise das Studio DuMont, in dem normalerweise Veranstaltungen stattfinden, in ein Corona-Testzentrum umgewandelt. Das ging gut. Aber bei größeren Veranstaltungen ist eine solche Kurzfristigkeit nicht möglich“, so Becker.

Wunsch nach einem Fahrplan

Doch während in anderen Ländern wie der Schweiz wieder Veranstaltungen mit mehr als 10.000 Leuten – ausschließlich für Geimpfte, Genesene und Getestete – möglich sind, fehlt ein solcher Fahrplan in Deutschland. Laut Coronaschutzverordnung des Landes NRW ist der nächste Schritt am 27. August, dass Musikfestivals wieder mit bis zu 1.000 Zuschauern stattfinden können, wenn negative Testnachweise und ein genehmigtes Konzept vorliegen. Das bringt der Lanxess-Arena, in der unter normalen Umständen bis zu 18.000 Menschen Platz hätten, nicht viel. „Selbst wenn wir nur jeden zweiten Platz belegen dürften, müssten wir überwiegend die Veranstaltung verschieben, weil sich das absolut nicht rechnet“, sagt Geschäftsführer Stefan Löcher. Er sei vielmehr davon überzeugt, dass „wenn alle Besucherinnen und Besucher geimpft, genesen oder getestet sind, wir bei Veranstaltungen wieder auf 100 Prozent gehen können – sei es mit oder ohne Maske“. Alles andere würde keinen Sinn machen, sagt Löcher. Dem stimmen die anderen Teilnehmenden des Runden Tisches zu.


"Auf Öffnungsstrategien folgte immer wieder die Schließung wegen zu hoher Zahlen"


Individuelle Konzepte

Wichtig sei daher nun, dass digitale Lösungen gefunden werden, wie etwa der digitale Impfpass, um die Einlasskontrollen optimieren zu können. Und dass für die einzelnen Veranstaltungsräumlichkeiten bestimmte Hygienekonzepte entwickelt werden, um die Künstler sowie das Publikum schützen zu können. Dirk Renner sieht für den Circus Roncalli allerdings einen Haken: „Bei uns ist alles etwas anders, weil wir Shows für die ganze Familie machen. Und das Publikum kommt nicht, wenn die Kinder nicht geimpft sind, aber mögliche Träger des Coronavirus sein können.“ Dadurch sei schon jetzt ein großer Anteil des Publikums weggebrochen. Und es gebe mit Blick auf die gewünschten Hygienekonzepte noch eine weitere Herausforderung: „Je nach Standort ist der Aufbau des Zirkus immer anders, wodurch wir nicht überall genau das gleiche Konzept umsetzen können“, sagt Renner. Es würde daher schwierig werden, wenn sich alle Veranstalter an genau dieselben Konzepte halten müssten. Das sieht auch Opernintendantin Birgit Meyer so. Sie würde es begrüßen, wenn jeder Verantwortliche für seine Räumlichkeiten ein eigenes Konzept entwickeln könnte. „Wenn dabei spezielle Rahmenbedingungen erfüllt werden und das individuelle Konzept vom Gesundheitsamt überprüft wird, sehe ich da kein Problem. Es ist meines Erachtens wichtig, die Risiken für Veranstaltungen in der Pandemie differenzierter abzuwägen“, sagt Meyer.

Die Hoffnung bleibt

Stefan Löcher von der Lanxess-Arena glaubt trotz aller Schwierigkeiten daran, dass „die Eventbranche wieder dahin kommt, wo sie vor der Pandemie war“. Das Virus werde in naher Zukunft nicht einfach verschwinden, „daher müssen wir lernen, mit Corona zu leben.“
  

Der Runde Tisch

Der „Runde Tisch“ ist eine Veranstaltung des Medienhauses DuMont Rheinland. Regelmäßig bitten „Kölner Stadt-Anzeiger“ und Kölnische Rundschau Spitzenvertreter verschiedener Wirtschaftszweige und Institutionen zum informellen Austausch. Die Gesprächsrunden finden zu überregionalen und lokalen Themen statt.

Die Teilnehmer des Runden Tisches

Bild: Thomas Banneyer
Bild: Thomas Banneyer

„Die Menschen erleben nicht nur das Konzert. Sie treffen Freunde. Das gehört alles zum Erlebnis dazu.“

Louwrens Langevoort
Intendant der Kölner Philharmonie  


Bild: Thomas Banneyer
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„Wir haben nicht unbegrenzt Ressourcen, um Dinge auszuprobieren.“

Dirk Renner
Geschäftsführer Circus Roncalli  


Bild: Thomas Banneyer
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„Man hat schnell ein schlechtes Gefühl, wenn man nicht weiß, wer um einen herum ist.“

Ralf Becker
Geschäftsführer der DuMont Livekon GmbH  


Bild: Thomas Banneyer
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„Wir kommen alle nicht unverletzt aus der Krise.“

Ralf Kokemüller
CEO Mehr-BB Entertainment  


Bild: Thomas Banneyer
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„Wir haben angefangen, all unsere großen Events zu streamen.“

Birgit Meyer
Intendantin der Oper Köln  


Bild: Thomas Banneyer
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„Die immer wieder neuen Verordnungen haben uns immer wieder neue Rätsel aufgegeben.“

Christoph Schlechtriem
Marketing und Vertrieb bei der Ticketservice  


Bild: Thomas Banneyer
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„Selbst wenn wir nur jeden zweiten Platz belegen dürften, müssten wir die Veranstaltung verschieben.“

Stefan Löcher
Geschäftsführer Lanxess-Arena  


Bild: Thomas Banneyer
Bild: Thomas Banneyer

„Wir spüren schon eine große Solidarität vonseiten des Publikums.“

Stefan Englert
Geschäftsführender Direktor Gürzenich-Orchester