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Thomas Reis - Das Kommando Kritzelköpp entwickelt die Ideen und fertigt anschließend Zeichnungen für die Wagen des Rosenmontagszugs an

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„Die schönsten Wagen laufen nicht“ Martin Weitz und Thomas Reis sprechen im Interview über ihre Arbeit beim Kommando Kritzelköpp, das erste Ideen und anschließend auch Zeichnungen für die Persiflagewagen des Rosenmontagszugs liefert

9.02.2021
Matbec GmbH

Wie seid ihr Teil des fünfköpfigen Kommandos Kritzelköpp geworden? 

Weitz: Ich habe mein Leben lang gezeichnet und war begeistert, als es 1998 im Kölner Stadt-Anzeiger einen Aufruf vom Festkomitee gab. Man sollte damals Ideen für den Zoch „999 Johr – das waren Zeiten“ einreichen. Daraufhin habe ich vier Zeichnungen versandt, wovon tatsächlich drei als Vorlage für Persiflagewagen verwendet wurden. Ich zeichne also mittlerweile seit 23 Jahren Entwürfe und bin seit der Zeit von Christoph Kuckelkorn als Zugleiter auch beim Kommando Kritzelköpp dabei. Reis: Mein Zeitstrahl ist diesbezüglich deutlich kürzer. Ich bin seit letztem Jahr als Ideengeber mit dabei und dank des neuen Zugleiters Holger Kirsch zum Team gestoßen. Er hatte mich bei einer Benefizveranstaltung als Kabarettist erlebt und gefragt, ob ich mit dabei sein möchte.

Wie entstehen eure Ideen für die ersten Zeichnungen?

Weitz: Im Verbund, im Prinzip das gesamte Jahr lang. Denn nach dem Zoch ist schon das Motto für das kommende Jahr raus. Vor diesem Hintergrund sammeln wir zunächst die Ideen, die bei den ersten Treffen letztlich auf den Tisch kommen. Gemeinsam wird dann überlegt, ob diese Themen noch relevant sind, wenn der nächste Zoch tatsächlich kütt.

Reis: Die Ideen gibt also letztlich der Lauf der Geschichte vor. Denn Bundestagswahlen lassen sich beispielsweise nicht auf ein anderes Jahr verschieben. Und dass Trump-Anhänger das Kapitol stürmen, passiert eben auch nur einmal. Deshalb fliegen andere Ideen raus, die weniger mit dem Zeitgeschehen zu tun haben.
  

SpectaColonia

Zudem lässt sich nicht jede Idee umsetzen.

Weitz: Wir sehen den Rosenmontagszug als Familienfest und nicht als mobiles Satiremagazin. Auch Eltern mit ihren Kindern sollen sich sorglos den Zoch angucken können, ohne mit Terror, Folter und sexualisierter Gewalt konfrontiert zu werden. Wir haben also eine gewisse Sorgfaltspflicht.

Reis: Ich bin eher dafür da, diese Sorgfaltspflicht ein wenig außer acht zu lassen (beide lachen). Menschen wie Martin sind sehr harmoniebedürftig, was manchmal nicht ganz zu den grausamen Motiven passt, die er dann zeichnet. Im Ernst: Es ist genau, wie Martin es gesagt hat. Die größte Show der Welt, die der Rosenmontagszug in Köln ist, muss für die janze Famillisch sein. Deshalb müssen gewisse visuelle Überreizungen vermieden werden.

Weitz: Zugleiter Holger Kirsch hat im letzten Jahr etwas Schönes gesagt: Die schönsten Wagen laufen gar nicht. Das sind Ideen, die so lustig sind, dass wir uns vor Lachen wegschmeißen. Aber aufgrund der eben erwähnten Verantwortung fallen diese dann der teameigenen Zensur zum Opfer.

Reis: Außerdem würden wir gerne Wagen mit 17, 18, 19 oder 20 Figuren des Zeitgeschehens machen, da stoßen die Wagenbauer allerdings an ihre Grenzen. Deswegen müssen die Motive relativ klar strukturiert sein.
  

Martin Weitz
Martin Weitz

Wie geht es weiter, wenn die Ideenfindung abgeschlossen ist?

Weitz: Entweder legen wir die Skizzen bereits vor oder sie werden bei den Treffen kurz angekritzelt. Anschließend wird darüber diskutiert. In manchen Fällen kommt es dann sogar schon zu einem Arbeitsauftrag und einem entsprechenden weiterführenden Entwurf. Andere Ideen stellen wir zunächst zurück und warten ab, wie sich das Thema weiterentwickelt.

Wie lange braucht Ihr für eine Skizze?

Weitz: Sie ist mitunter in einigen Minuten erstellt, manchmal geht es sogar noch schneller. Dafür sind oft nur wenige Striche nötig, wodurch die anderen Teammitglieder eine erste Ahnung davon bekommen, in welche Richtung die Idee geht. Wenn es darum geht, die finale Zeichnung anzufertigen, dauert es hingegen mehrere Stunden.

Wie viel von euren ersten Entwürfen findet sich tatsächlich in den Wagen wieder?

Weitz: Die Wagenbauer setzen das hervorragend um. Die Ähnlichkeit zu dem, was wir entworfen haben, ist riesig und kommt sehr nah an das Original ran. Es gibt allerdings auch einige Themen, die sich so schnell entwickeln, dass wir keine Zeichnung mehr gestalten. Bundespräsident Wulff ist beispielsweise am Tag des Richtfestes zurückgetreten, als der Wagen schon fertiggestellt war. In einer Nacht und Nebelaktion musste er dann letztlich umgebaut werden.

Reis: Ich kann die Semantik meist nicht exakt so durchsetzen, wie ich mir das vorstelle. Insgesamt wird das Ganze aber fantastisch vom Zwei- ins Dreidimensionale umgesetzt. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie die Wagenbauer das hinkriegen. Martins Entwurf von Donald Trump als Horrorclown zu sehen, war ein Hochgenuss.

Welcher Wagen wird 2021 der schönste sein?

Weitz: Das kann ich nicht sagen. Jeder Wagen hat seine ganz besonderen Details.

Reis: Mir geht es genauso, alle Wagen sind mir ans Herz gewachsen.