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Im Proben- wie auch im Konzertbetrieb hält sich das beliebte Kölner Ensemble täglich an die klaren Hygienevorgaben der Stadt Bild: Holger Talinski

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Vor besonderen Herausforderungen Die Krise eröffnete dem Gürzenich-Orchester neue Perspektiven, sorgt jedoch ebenso für Kopfschmerzen

28.10.2020

Ende Mai kehrte das Gürzenich-Orchester als erstes landesweit wieder zu einem regulären Konzertbetrieb zurück. Ein Aufatmen ging nach dem Lockdown durch den Kulturbetrieb. „Wir sind wieder da“ verkündete die Website des weit über die Domstadt hinaus beliebten Ensembles damals stolz. „Wir geben alles, um zu bleiben“ könnte heute auf der Website stehen. Durch die hohen Infektionszahlen der letzten Wochen steht das Orchester in einer ohnehin schwierigen Saison erneut vor Herausforderungen. Friso van Daalen, der Kommunikationsleiter des Gürzenich Orchesters, beantwortet Fragen zur aktuellen Lage.

Kölner Philharmonie

Herr van Daalen, welcher prozentuale Anteil an Ihrer täglichen Arbeit macht inzwischen das Krisenmanagement aus?

Friso van Daalen: Die Frage ist ein bisschen, wo das Krisenmanagement anfängt und wo es aufhört. Sicherlich können wir die Zeit seit dem Lockdown im Frühjahr bis heute als Krise bezeichnen. Niemand von uns war vorbereitet auf das, was dann kam. Aber wir haben uns mit diesem Zustand, wie alle anderen auch, arrangieren müssen. Und in dieser Zeit haben wir auch viel gelernt. Nicht nur die Kunst der Improvisation. Wir haben auch neue digitale Formate und Infrastrukturen entwickelt. Insofern hat uns diese Krise ein paar neue Perspektiven und Möglichkeiten eröffnet und Prozesse beschleunigt, die wir ohnehin angehen wollten. Krisenmanagement betreiben wir, wenn wir – wie aktuell – bereits ausgebuchte Veranstaltungen an die neuen Coronaschutzmaßnahmen anpassen müssen und mehrere hundert Besucher ihr Anrecht auf einen bereits erworbenen Sitzplatz verlieren. Das stellt besondere Herausforderungen an die Kommunikation mit unserem Publikum.


"Unsere Musiker haben auch Familien, die sie schützen wollen"


Im geregelten Probebetrieb eines Orchesters ist es sicherlich besonders schwierig, die Hygienebestimmungen einzuhalten. Wie schützen sich die Musiker vor einer gegenseitigen Ansteckung?

van Daalen: Es gibt klare Vorgaben vom Gesundheitsamt der Stadt Köln, die wir in allen Bereichen einhalten, sowohl im Proben- wie auch im Konzertbetrieb. Das betrifft Abstände, eine Maskenpflicht und so weiter. Unsere Musiker haben ja auch Familien und bewegen sich in Strukturen außerhalb des Orchesters, die sie schützen wollen. Insofern erleben wir hier einen sehr respektvollen Umgang miteinander.


"Wir haben die Unterstützung von mehr als 4000 Abonnenten"


Wie ein Metronom zum Konzertereignis werden kann, wenn es 99 Kollegen mitbringt, zeigt das Gürzenich Orchester im Abokonzert „Gesang“ Bild: bizoo_N/stock.adobe.com
Wie ein Metronom zum Konzertereignis werden kann, wenn es 99 Kollegen mitbringt, zeigt das Gürzenich Orchester im Abokonzert „Gesang“ Bild: bizoo_N/stock.adobe.com

Immer öfter ist derzeit die Rede davon, das ein neuer Lockdown droht. Welche wirtschaftlichen Folgen hätte dieser für das Orchester?

van Daalen: Ein Lockdown ist immer problematisch. Schließlich können wir keine Einnahmen generieren, wenn wir keine Konzerte geben können. Wir blicken dennoch zuversichtlich in die Zukunft, weil das Gürzenich-Orchester stark in Köln verankert ist und wir die Unterstützung von mehr als 4.000 Abonnenten haben, die uns auch in den vergangenen Monaten immer zur Seite standen. Das ist sehr bewegend, diesen Schulterschluss gerade auch in schwierigen Zeiten zu erfahren.

Niemand weiß, wie es pandemiebedingt weitergeht, darum lassen Sie uns positiv in die Zukunft schauen und den Spot auf ein Programm-Höhepunkt der kommenden Wochen richten. Anfang November etwa wird das Abokonzert „Gesang“ an mehreren Tagen zur Aufführung gelangen. Unter anderem wird darin György Ligetis „Poème Symphonique“ für 100 Metronome zu hören, oder sollte es besser heißen zu erleben, sein.

van Daalen: Ligetis „Poème Symphonique“ ist sicherlich ein besonderes Werk, das man einmal im Leben gehört oder erlebt haben sollte. Eigentlich ein passendes Stück zur aktuellen Lage. Schließlich müssen Metronome keine Abstände untereinander wahren. Da kriegen wir eben auch mal 100 „Musiker“ auf die Bühne. Für dieses Stück haben wir aktuell übrigens einen Aufruf gemacht. Unter dem Titel „Köln, wie tickst Du“ kann man sein Metronom einschicken und zum Bühnenstar machen. Wir haben schon mehr als 50 Stück zusammen, in den unterschiedlichsten Formen, mit den bewegendsten Geschichten. Aber der Hauptakteur in diesen Konzerten ist nicht das Metronom, sondern der große Jubilar dieses Jahres, Ludwig van Beethoven. Auf dem Programm dieses Konzerts unter der Leitung von François-Xavier Roth stehen Beethovens Achte Sinfonie und sein 3. Klavierkonzert mit Kristian Bezuidenhout als Solisten. Darauf freuen wir uns sehr!